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Bürger
Berlins, blickt auf diese
Stadt!
Eine
Biographie portraitiert New Yorks Ex-Bürgermeister Rudy
Giuliani als smarten
Stadtmanager
Von Eric T. Hansen
Es gibt nicht viel, was der Lebemann Klaus Wowereit mit dem Hardliner
Rudy
Giuliani gemein hat. Außer, dass beide genau die Art
ausgeprägte Persönlichkeit
besitzen, die Metropolen wie Berlin und New York von ihren
Bürgermeistern
erwarten. Auch die beiden Städte sind nur in einem
vergleichbar: Berlins
beeindruckendes Haushaltsloch erinnert stark an das New York der
Neunzigerjahre. Ein Zyniker würde sagen, erst seine chronische
Wirtschaftskrise
macht Berlin zur Weltstadt. Der Unterschied: New York hat seine
Probleme
inzwischen weitgehend im Griff, während Berlin noch immer auf
das Geld starrt,
das es nicht hat.
Es war bekanntlich Rudolph W. Giuliani, der New York in den Neunzigern
einer
Radikalkur unterzog – und rettete. Wie das möglich
war, erzählt nun die
Biographie „Prince of the City“, die soeben in
Amerika erschienen ist (Fred
Siegel: Prince of the City. Giuliani,
New York and
the Genius of American Life, Encounter
Books, 386 S., 26,95 $). Autor
Fred
Siegel hat keine Biographie über den Helden des 11. September
geschrieben,
sondern die einer Amtszeit, des achtjährigen Kampfes um die
Sanierung einer
Stadt, die seit den Sechzigern als „unregierbar“
galt.
Bei Giulianis Amtsantritt waren die USA unter Clinton gerade im
Begriff, sich
allmählich zu erholen, nur in New York ging es weiterhin
rapide bergab. Die
Stadt wies über eine Million Sozialempfänger auf; die
Arbeitslosigkeit war
doppelt so hoch wie im Rest des Landes. Eine Umfrage unter
Neuankömmlingen
ergab, dass zwei Drittel von ihnen gleich wieder wegziehen wollten. Das
Neue an
Giuliani war, dass er derlei Probleme für lösbar
hielt. Er begriff seinen Job
als Manager und die Stadt als Produkt. Sein Stellvertreter in Sachen
Wirtschaft, John Dyson, bedauerte, New York habe bisher
„Steuern und
Verwaltungsaufwand erhöht, damit den Preis des Produktes
gesteigert und
zugleich seine Qualität gesenkt“.
Solche Sprüche kamen nicht gut an. New York war die am meisten
links stehende
Stadt Amerikas und besaß eine Sozialstruktur, die durchaus
dem deutschen
Sozialstaat ähnelt. Während die Jobs auf dem
Privatsektor von 1984 bis ’94 um
10 Prozent zurückgingen, stieg der Arbeitsmarkt im
Sozialbereich um 60 Prozent
an. Ein Drittel aller Angestellten arbeitete in der Stadtregierung, im
Gesundheits- oder Sozialwesen. Wie in Berlin war es auch in New York
die
wichtigste Aufgabe des Bürgermeisters geworden, Geld vom Staat
zu erbetteln.
Doch Giuliani, der den Sozialstaat gern
„Mitleidsindustrie“ nennt, erklärte der
New Yorker Linken mit Reizworten wie Dezentralisierung, Privatisierung
und
Steuersenkung den Krieg.
Es ist wahr, solch radikale Töne kann niemand von Wowereit
erwarten, doch auch
der Hardliner Giuliani griff nie so hart durch, wie er zuvor
angekündigt hatte.
Im Gegenteil, oft hat er nur mit der Privatisierungsdrohung gespielt,
um die
Wasserkopfbehörden auf Sparkurs zu bringen. Als allerdings die
Stadtreinigung
glaubte, Giuliani würde bluffen, versicherte der ehemalige
Anwalt, er würde
ihnen seine Freunde aus seiner ehemaligen Kanzlei auf den Hals hetzen,
die
sonst nur so zum Spaß Weltfirmen auseinander nähmen.
Obwohl Harlem mehr Einwohner besaß als ganz Atlanta, gab es
1994 weder einen
einzigen Supermarkt noch ein Kino. Ein Drittel der Gebäude
gehörte der Stadt,
es waren entweder Sozialwohnungen oder sie standen leer. Für
Giuliani war das
Fehlen von Privatwirtschaft ein Zeichen des Zerfalls, und
Bürokratie war
insgesamt mit Korruption gleichzusetzen. Er verkaufte die
Gebäude, nicht an
Immobilien-Spekulanten, sondern an Personen, die in Harlem lebten. Als
ein
Aufschrei durch die Presse ging, fragte seine Beauftragte Deborah
Wright auf
einer Harlemer Bürgerversammlung die Mieter, wen sie lieber
als Vermieter
hätten: ein öffentliches Amt oder einen Nachbarn, den
man auf der Straße
trifft. Als Antwort bekam sie stehende Ovationen.
Auch das Arbeitsamt wurde zum Teil privatisiert. Giuliani beauftragte
die
Arbeitsvermittlung America Works, auf Provisionsbasis für die
Sozialhilfeempfänger Arbeit zu finden. Plötzlich war
das Arbeitsamt, auf Erfolg
angewiesen, auch erfolgreich. Als der Bürgermeister dann noch
Fingerabdrücke
der Sozialempfänger nahm, wähnten sich seine Gegner
bereits im Polizeistaat.
Sie verstummten erst, nachdem durch diese Maßnahme herauskam,
dass etwa 23
Prozent aller Leistungsempfänger gleichzeitig in New York und
im benachbarten
New Jersey abkassierten – merke: auch Brandenburg ist von
Berlin nicht weit.
Durch derartige Maßnahmen schrumpfte die Zahl der
Sozialfälle um 60 Prozent, so
dass die Stadt nun fast 3000 Dollar pro Empfänger ausgeben
kann statt wie
früher 317 Dollar.
Wie Giuliani selbst hartnäckig reformresistente Kolosse in die
Knie zwang,
illustriert sein Bemühen, die riesige Bildungsbehörde
abzuspecken. Im Board of
Education waren die Kosten in den letzten 12 Jahren um die
Hälfte gestiegen,
aber nur 18 Prozent der neuen Kosten kamen den Lehrern zugute, 65
Prozent
verbrauchte die Verwaltung. Anfangs hatte Giuliani kein Glück.
Doch er lauerte
auf einen Skandal, der – da kann man in New York sicher sein
– irgendwann von
selbst auftaucht. Als durchsickerte, dass die Behörde 2,2
Millionen Dollar für
Tagungen in Las Vegas, Puerto Rico und Hawaii ausgegeben hatte, bot man
schnell
Gespräche an.
Giuliani betrachtet alles mit dem Blick eines Organisators. Bei den
Baseballspielen seiner geliebten Yankees notierte er Namen und Nummern
der
Spieler und verglich ihre Ergebnisse, als ob nicht das Spiel selbst das
Spannende sei, sondern wie das Team gemanagt wurde. Den Roman
„Der Pate“ las
er, um zu lernen, wie Mafiosi kommunizieren: Er schaffte es, seine
Ziele bis in
die unterste Ebene klar zu machen. Es gibt keine Hinweise darauf, dass
er dabei
mit einem Baseballschläger auf seine Gegner losgegangen ist.
Aber er übernahm
die Gewohnheit, jeden Morgen um 8 Uhr ein Meeting abzuhalten, bei dem
alle
anwesend sein mussten und alles besprochen wurde, damit jeder wusste,
worum es
ging.
Obwohl kein Tag verging, an dem Giuliani nicht als Faschist bezeichnet
wurde,
sank die Arbeitslosigkeit in seiner Amtszeit um 9 Prozent. Es wurden
über 84000
neue Jobs geschaffen, seit 1951 hatte es kein derartiges Wachstum mehr
gegeben.
Seine Steuersenkungen lockten Ladenbesitzer und Mittelstandsfirmen
wieder an
und führten New York weg von der Produktion hin zu
Dienstleistung und Technik:
„Silicon Alley“ ist das Erbe seiner Amtszeit.
Auch Berlin könnte regierbar sein. Erst im September sprach
Berlins
Finanzsenator Thilo Sarrazin von einer „sich verfestigenden
Arbeitslosenquote
von 15 bis 17 Prozent“. Daran könne selbst massives
Wirtschaftswachstum nichts
mehr ändern. Giulianis wirkliche Leistung war es, zu zeigen,
dass man sich mit
diesem Ausblick nicht abfinden muss.
Der Autor ist
amerikanischer Journalist und Autor des Deutschlandbuches
„Die
Nibelungenreise“ (Piper). Er lebt in Berlin.
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