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Illustration:
Carl Lindeberg / KMV
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Winnetou
statt Siegfried
Amerikaner
haben ihre Nationalhelden, Deutsche nicht. Unseren kriegerischen
Siegfried
haben wir längst entsorgt – und durch den
friedensliebenden Indianer Winnetou
ersetzt. Die deutsche Seele, sie wurde im wilden Westen geboren.
20.10.2004
von Eric T. Hansen
Wenn es irgendwo
auf der Welt einen deutschen Held gibt, finde ich ihn, sagte ich mir,
in Xanten
– dem Geburtsort Siegfrieds. Das hübsche, ruhige,
holländisch anmutende
Städtchen am Rhein hat auch die besten Voraussetzungen: Noch
heute findet man
hier nicht nur eine Siegfriedstraße, sondern auch ein
Siegfriedcafé, sogar eine
Siegfried-Schokofabrik.
In Amerika legen wir viel Wert auf Helden. Ein alter Spruch klingt mir
noch im
Ohr: „Zeig mir deine Helden, und ich sage dir, wer du
bist.“ Nachdem ich 20
Jahre in Deutschland gelebt habe, wollte ich endlich wissen, wer die
Deutschen
wirklich sind. Ich reiste durch Deutschland und landete in Siegfrieds
Heimatstadt, wo ich die Xantener in Cafés und Restaurants,
in Büros und zu Hause
auf ihren Helden ansprach.
Immer wieder kam die gleiche Reaktion:
„Wir
Deutschen haben keine Helden.“„Was ist mit Boris
Becker?“, fragte ich. „Seit
der Besenkammergeschichte nicht mehr.“ Michael Schumacher?
Claudia Schiffer?
Joschka Fischer? Bei jedem wurde ein Fehler gefunden, auch wenn bei
manchen die
Suche etwas länger dauerte. Die Deutschen verehren keinen
Helden, die einen
Makel haben.
Enttäuscht musste ich meine Suche
aufgeben. Ein paar Wochen später
in der heldenveralbernden Domstadt Köln begegnete ich einer
alten Freundin und
erzählte ihr von meinem Problem. Sie zerbrach sich ebenso den
Kopf, zuckte mit
den Schultern und sagte: „Die Xantener haben Recht
– die Deutschen haben keine
Helden“. Dann lachte sie. „Außer
Winnetou, natürlich.“
Das hörte ich nicht zum
ersten Mal. Auch die Xantener hatten immer
wieder gewitzelt: „Den Winnetou gibt es noch!“ Ich
hatte sie dummerweise nicht
ernst genommen, weil sie dabei immer beteuerten: „Das meine
ich natürlich nicht
ernst.“
Dabei meinten sie es sehr wohl ernst.
Winnetou ist Fährtenleser, also
Intellektueller. Er entdeckt Zeichen, interpretiert seine Umwelt, sucht
die
Wahrheit hinter der Wahrheit. Wenn er und nicht Siegfried über
den Drachen
gestolpert wäre, lebte das Untier womöglich noch
heute. Winnetou hätte zuerst
die Gegend gründlich ausgekundschaftet, versucht, den Drachen
und dessen Platz
in der Nahrungskette zu verstehen. Nicht auszudenken, was der Tod eines
Drachen
für Folgen für die Umwelt hervorrufen
könnte! Ganz anders Siegfried im wilden
Westen: „Von wegen heiliger weißer Büffel
– diese Häute sind Gold wert!“
Winnetou ist zwar nicht direkt Pazifist, aber beinahe. Wo Siegfried
Schwertfetischist war, ist Winnetous erste Waffe der Verstand. Winnetou
arbeitet am liebsten mit Tricks, Siegfried besiegt Brünhild
mit nackter Gewalt
– sogar im Bett. Der Cowboy-Spruch, den die Deutschen so
verachten – „Zuerst
schießen, dann Fragen stellen“ – passt
prima zu Siegfried. Und sicher auch zu
George W. Bush. Bevor Winnetou schießt, fragt er erst mal
einen langen moralischen
Katalog ab.
SIEGFRIED
passt viel besser
zu den Amerikanern. Er handelt, ohne lange nachzudenken. Er
weiß, er ist
stärker als die anderen. Und: Er ist immer gut drauf. Ich kann
ihn mir gut
vorstellen als Brad Pitt, mit einem unschlagbaren Lächeln und
so einer Art zu
schlendern, die einfach sexy ist. Es stimmt schon, dass wir Amerikaner
seit
Vietnam – und spätestens Irak – wissen,
dass jeder Siegfried irgendwo eine
verletzliche Stelle hat. Ist uns aber egal. Dieses
Lächeln ist sexy.
Winnetou
andererseits wird in Amerika nie populär werden. Ja, auch wir
Amerikaner lieben
den Underdog, aber vor allem lieben wir den Underdog, der am Ende
gewinnt. Die
Deutschen lieben den Underdog eben deswegen, weil er nicht gewinnt.
Egal, wie
sehr wir uns über das Schicksal der Indianer schämen,
am Ende haben die
Indianer einfach nicht gewonnen.
Dabei sind Winnetou und (Wagners) Siegfried
beide deutsche Erfindungen aus dem 19. Jahrhundert, einer Zeit, in der
Deutschland sich als Underdog sah
und verzweifelt um Identität rang – ähnlich
wie heute. Doch während Wagner die
deutschen Tugenden in siegfriedscher Stärke sah, gab Karl May
seinem Winnetou
als Romanfigur einen Ziehvater bei, der enttäuscht und
ohnmächtig nach der
misslungenen Revolution von 1848 aus Deutschland geflüchtet
war. Zwei Seiten
einer Münze.
UMSO IRONISCHER
ist der Vergleich der Karrieren der beiden
Helden-Macher. Wagner hatte erst Erfolg, nachdem der Adel ihn zu sich
heraufholte – wie so vieles in Deutschland, etwas, was von
oben nach unten
entschieden wurde. May dagegen musste sich selbst „neu
erfinden“, wie wir in
Amerika sagen – und zwar mit Hilfe von Lügen: Ein
großer Teil seines Erfolges
geht darauf zurück, dass sein Publikum und die Presse glaubte,
er hätte seine
Geschichten tatsächlich erlebt.
Ein Mann, der 1200 Sprachen und Dialekte
verstand, muss schließlich eine Menge erlebt haben. Eine
Karriere also, die
eher amerikanisch anmutet. Und als es am Ende herauskam, dass May ein
schreibender Hochstapler war, bekam er den Volkeszorn zu
spüren: Er wurde von der Presse angefeindet und verstrickte
sich in
aussichtslosen Prozessen. Die Deutschen verehrten schon damals keinen
Helden,
der einen Makel hatte.
Da muss der Amerikaner mal seufzend sagen: Ach
Deutschland, du verkennst deine Helden.
Online:
http://www.cicero.de/97.php?ress_id=7&item=276
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