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Wie schreibt man denn bitteschön einen Roman zu zweit?
Astrid:
Mit mehr Krach als Ach.
Einer
von uns kommt auf eine tolle Idee. Meist stellt es sich heraus, nachdem
der andere seinen Senf dazu gegeben hat, dass sie gar nicht so toll
ist. Falls sie aber dann doch toll bleibt, gehen wir ans Brainstorming,
schreiben alles auf, was uns dazu einfällt und einigen uns darauf, wie
die Struktur aussehen soll. Astrid arbeitet die Struktur dann aus, bis
sie hieb- und stichfest ist und so stabil, dass sie selbst dann noch
überlebt, wenn man ihr später 70 Prozent amputieren muss.
Eric:
Wenn
die Struktur sitzt, und wir haben das Gefühl, wir verstehen im Großen
und Ganzen, worum es geht, machen wir uns an die erste grobe
Rohfassung. Diese ist oft nur ein Haufen Stichworte für jedes Kapitel.
Meist schreibt Eric, der Vielschreiber, diese grobe Fassung, aber
Astrid sucht sich auch einige Rosinen heraus und schreibt sie – im
Falle von „Nibelungenfieber“ übernahm sie die Nadine- und einige
Gewalt- und Sexszenen.
Astrid:
Haben
wir eine erste Rohfassung, schieben wir jedes Kapitel solange hin und
her, bis beide zufrieden sind. Jedes Kapitel macht bis zur
Fertigstellung durchschnittlich 12 Fassungen durch, erst Erics Fassung,
dann Astrids Fassung, dann Streit, dann nochmal Erics Fassung, dann
völliges Unverständnis, dann Astrids Fassung, dann werden Teller
geworfen, dann Erics Fassung.
Eric:
Danach fängt Astrid wieder an zu rauchen, und ab dem Punkt gibt sie die
Fassung nicht mehr her. Am Ende ist Astrid nämlich für den letzten
Schliff verantwortlich. Nachdem wir das Manuskript endlich weggeschickt
haben, trinken wir zusammen ein Whisky und bitten einander um
Verzeihung für all die schrecklichen Dinge, die wir einander in den
letzten Monaten an den Kopf geworfen haben.
Gibt es bestimmte Vorteile dieser Teamarbeit?
Eric:
Für mich ist das Wichtigste an der Zusammenarbeit erstens das Brainstorming und zweitens die Kontrolle von außen.
Schon
bei der Konzeptionierung fängt es an. Wenn man ein Idee für ein Buch
hat, kommt einem die Idee erst mal perfekt vor – die Details, so meint
man, kommen schon noch von selbst im Lauf der Zeit dazu. Erst wenn man
anfängt, die Worte auf Papier zu setzen, merkt man, welch riesige
Lücken und Widersprüche es gibt. Dann muss man Wege finden, die
Geschichte voranzutreiben und die verschiedenen Stränge zusammen zu
binden. Das ist immer der Punkt, wo ich merke, meine Gedanken sind
nicht frei. Sie gehen nur in eine Richtung, und wenn die Richtung
falsch ist, enden sie in eine Sackgasse. Dann brauche ich jemanden, der
nicht in der Sackgasse steckt. Astrid sagt: Wie wäre es mit diesem Weg?
Oder: Ich habe die ganze Zeit das Gefühl, hier fehlt dies und das. Das
reicht manchmal, und schon denke ich in eine andere Richtung, ich kann
weiter machen.
Das zweite große Plus ist die Kontrolle. Ich
schreibe zu viel. Ich wiederhole mich. Manchmal sind mir Dinge wichtig,
die andere Menschen nicht verstehen oder einfach nicht interessieren.
Ich finde Dinge melancholisch, die andere schon total deprimierend
finden. Manchmal bin ich zu kompliziert. Manchmal schreibe ich mit
angezogener Handbremse. Da brauche ich jemanden, der sagt: Das ist zu
deprimierend. Wie wäre es mit einem Witz? Oder: Das geht nicht weit
genug. Wo bleibt dein Mut? Oder: Deine Gedanken kreisen nur noch um
dich – tritt einen Schritt zurück und schau den Text an, wie andere ihn
sehen. Schon habe ich einen anderen Blickwinkel. Das funktioniert mit
den Sachbüchern und auch mit dem Roman.
Astrid:
Man lernt Toleranz gegenüber Ausländern.
Das war der erste Roman - was war die größte Herausforderung?
Eric:
Anfangs
verstand ich gar nicht, wie Komik in einem Roman funktioniert. Ich
dachte, du erfindest eine witzige Szene (was schon schwer genug ist)
und beschreibst sie einfach. Aber es ist ganz merkwürdig – so
funktioniert das überhaupt nicht. Zu beschreiben, wie ein Mann die
Straße entlang geht und da ist eine Bananenschale im Weg, er tritt
drauf und fällt hin – das klappt im Film, aber nicht im Text.
Ich wandte mich an die Klassiker – an Mark Twain, an Jerome K. Jerome,
an andere und bemerkte, dass sie niemals nur einfach eine komische
Szene beschreiben. Nein, sie beschrieben die Szene mit einer
amüsierten, meist einfach nicht angebrachten Einstellung. Eigentlich
muss noch nicht mal was komisches passieren, Hauptsache es wird komisch
beschrieben. Die Einstellung des Erzählers zur Szene ist das, was
komisch ist, nicht die Szene selbst. Zum Beispiel bei Jerome K. Jerome,
in „Drei Männer in einem Boot“ – da wird beschrieben, wie ein Onkel das
ganze Haus terrorisiert, nur um ein Bild aufzuhängen: Er schickt den
Sohn zum Nachbarn, um einen Lineal auszuleihen, die Tochter muss den
Stuhl festhalten, auf den er steigt etc. Er produziert sich auf
unerträgliche Art und Weise. Das ist aber unwichtig. Witzig ist die
Einstellung. Es wird nie gesagt, dass der Onkel sich unnötig
produziert. Im Gegenteil: Er wird als Held dargestellt, der einzige,
der weiß, wie ein Bild aufgehängt wird, der einzige im Haus, der etwas
tut, der handelt, was für einen Mann! Da entsteht der Witz: Es ist eine
ärgerliche Situation, die als heldenhaft dargestellt wird.
Astrid:
Also
lernten wir, jede Handlung von dem Helden auf irgendeine Weise
kommentieren zu lassen, eine Weise, die ganz leicht daneben ist. Alles
muss kommentiert werden. Hemingway hätte nie Komik schreiben können.
Es reicht nicht, zu zeigen, dass der verheiratete Held auf eine andere
Frau scharf ist. Nein, er muss ernsthaft davon überzeugt sein, dass
diese Frau dringend seine Hilfe und nur seine Hilfe braucht, spät in
der Nacht in ihrem Schlafzimmer nur in Reizwäsche nach einem
ausgeliehenen, halbvollen Einwegkugelschreiber zu suchen, der seit
einem halben Jahr verschwunden ist. Und er muss sich dabei um diesen
Kuli ehrliche Sorgen machen.
Es reicht nicht, einfach zu beschrieben, wie in der Selbstmordszene
Steve die Badewanne aus Versehen umkippt und das Wasser auf den Boden
fließt und einen Kurzschluss versursacht und Peters Füße ihren Halt
verlieren und er baumelt mit dem Strick um den Hals nackt hin und her
und tritt panisch mit den Füßen um sich. Nein, eine völlig
unangebrachte Einstellung muss her: Anstatt zu helfen, muss sich Steve
ernsthaft darüber Gedanken machen, ob Peter nun eine Mordswut auf ihn
hat – es scheint so, aber es ist schwer zu sagen, denn mit dem Strick
um den Hals kann Peter sich nicht klar ausdrücken, und es fällt Steve
schwer, die Worte, die der hin und her schwingende Nackte immer wieder
durch die Zähne presst, zu interpretieren: „G-g-g-g-gidiot!
G-g-g-g-gidiot! G-g-g-g-gidiot!“
Gibt es Dinge, die Sie rausgeschmissen haben und jetzt bereuen?
Eric:
Oh ja. Manchen Sätzen trauere ich heute noch nach.
Zum Beispiel, als der Heimathistoriker Willi dem Steve sein
nicht-ganz-fertiges Heimatmuseum zeigt, voller skurriler Sachen. Da
steht ein Modell auf dem Tisch, und zwar von der Locher Altstadt, dem
sogenannten Blatsplatz. Allerdings liegt der Blatsplatz direkt vor der
Tür – es ist in Wirklichkeit schon so klein, dass es 30 Sekunden
dauert, es zu umrunden. Willi erklärt: Der Blatsplatz ist zwar schön,
aber eben weil seine Besichtigung so schnell vorbei ist, wollte die
Stadt den Touristen etwas mehr bieten – also ein Modell vom Blatsplatz.
Ebenfalls
im Museum erzählt Willi von dem Versuch vor etlichen Jahren, in Loch
eine Friedensdemo zu veranstalten. Die Demo ist im Buch noch drin – was
wir rausgenommen haben, war der Locher Friedenspreis, den man jedes
Jahr verleihen wollte: Zum Auftakt ging der erste Preis an Jesus
Christus. Posthum, versteht sich. Dass das drin blieb, dafür habe ich
gekämpft.
Noch ein Beispiel: Im intimen Gespräch zwischen
Steve und seiner Frau Carla sollten sie sich Kosenamen geben. Astrid
meinte: Sie soll ihn, den Ami (es war Bush-Zeit), „mein knuffiges
Kapitalistenschwein" nennen. „Das ist kein Kosewort, das ist eine
Beleidigung und anti-amerikanistisch“, sagte ich. „Ach, krieg dich
ein“, sagte sie. „Ich finde das witzig.“ Ich schlug einen Kompromiss
vor: gleichberichtigte Koseworte. Er muss darauf erwidern: „Na, meine
geile Nazimaus". Damit konnte Astrid aber nicht leben. Ich fand es
witzig, sie nicht. Ich konnte ihr auch den Witz nicht einreden. Man
sieht daran, dass wir – die Deutsche und der Amerikaner – egal, wie
lange wir uns kennen – nicht leicht nachvollziehen können, wie der
andere etwas empfindet.
Wurden solche Gags aus Gründen der politischen Korrektheit rausgenommen?
Astrid:
Erstaunlicherweise
nicht. Die Sache mit dem Blatsplatz-Modell sowie der Jesus-Witz waren
einfach zu viel. Wir kämpften miteinander darum, nahmen die Sätze immer
wieder raus und steckten sie immer wieder an anderer Stelle rein, aber
immer wieder beim Durchlesen sahen wir: Der Rhythmus des Kapitels ist
gestört. Er floss nicht mehr so richtig. Man stolpert, man fragt sich,
wo geht das hin? Also mussten sie raus. Es war ein wenig wie ein Wolf
in einer Falle, der sich das eigene Bein abbeißt, um freizukommen. Ein
Wolf allerdings, der eine eigene Website hat, auf der er hinterher
veröffentlichen kann, wie toll damals sein Bein war.
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