 |
»Eins muss ich Sie noch fragen«, gestand ich Willi. »Über die
Nibelungen. Wer ist eigentlich der Held?«
»Na, das ist Siegfried. Er ist der Ur-Deutsche.«
»Und was macht so der Ur-Deutsche?«
»Er wird ermordet.«
Willi schien nichts dabei zu finden, dass die größte Tat des größten
deutschen Helden war, dass er stirbt.
»Sie
müssen Siegfried als Symbol verstehen«, erläuterte er. »Die
Nibelungensage sagt uns, wo wir herkommen – sie ist der Garten Eden der
Deutschen, verstehen Sie? Nur mit viel mehr Blut. Stellen Sie sich vor:
Adam mit langen blonden Haaren und gut gebaut, wie Arnold
Schwarzenegger, nur stärker, und er hat ein Schwert, und kann damit
umgehen, aber schon verantwortlich, verstehen Sie – nie würde er einen
Drachen einfach so töten, er muss provoziert werden. Und Kriemhild ist
die Eva. Sie ist blond und schön und kann auch gut kochen, und zusammen
müssen sie gegen die Widrigkeiten des Paradieses kämpfen.«
»Widrigkeiten im Paradies?«
»Vergessen Sie die Schlange nicht.«
»Aber klar«, meinte ich und nahm den letzten Bissen Kuchen.
»Überhaupt«,
sagte Willi, »das Nibelungenlied ist vor allem für das Blutbad am Ende
berühmt. Das Blut fließt nur so, es ist wunderbar. Als Adam von dem
Teufel – das ist Hagen – ermordet wird, schwört Eva Rache und heiratet
Attila, den Hunnenkönig, und sie befriedigt ihn im Bett so sehr, dass
er alle umbringt, auch den Teufel und die drei Könige. Für mich ist
Hagen Hitler und Attila ist … nein, Moment. Attila ist eher Hitler.
Hagen ist mehr wie George W. Bush – er tut nur das, was er für richtig
hält, aber er macht alles nur noch schlimmer. Und der Priester, den
Hagen in den Fluss wirft, ist Martin Luther, und Volker der Minnesänger
ist Goethe, und Wärbel und Swämmel sind Marx und Engels, und Brunhild
ist diese Frau aus Basic Instinct. Und bevor sie sterben, trinken sie
alle ihr eigenes Blut, weil der gesamte Garten Eden brennt. Haben Sie
noch Fragen?«
»Nein«, sagte ich verwirrt. »Jetzt ist alles klar.«
|
 |