 |
Seit ich ein Kind war, wollte ich schreiben.
Egal
was, eigentlich. Am liebsten aber Bestseller-Romane die mich A) reich
und berühmt machen und B) von respektablen Feuilletonisten mit hoch
intellektuellen Kritiken geadelt werden. Dieser Traum wandelte sich, je
älter und weiser ich wurde. Heute würde es schon reichen, für
irgendeine wertlose Dorfzeitung Bildunterschriften zu schreiben,
solange ich mit dem zynischen Redakteur per Du sein darf.
Mit diesem Traum gab es allerdings ein Problem, mit dem ich anfangs
nicht gerechnet hatte: Schreiben nimmt Zeit in Anspruch.
Mit zehn sagte ich mir noch: Den Roman hab ich ja schon komplett im
Kopf, ich brauche ihn nur aufzuschreiben.
Ein
paar Flaschen Cola, ein Wochenende und zack!, schon habe ich meinen
Roman. Ich setzte mich auch wirklich dran, Freitagnachmittag, nach der
Schule. Meine Eltern, nach einem langen und ernsthaften Vortrag
meinerseits, machten mit und erließen mir das Wochenende über meine
diversen Pflichten im Haushalt. Ich verließ meinen Schreibtisch nur
noch zum Mittagessen, ansonsten lebte ich von Kaugummi. Ich war ein
sehr ernsthafter junger Mann. Bis Sonntagabend hatte ich zehn
Bleistifte aufgebraucht, zehn Hefte gefüllt und wieder verworfen.
Vor mir lagen zwei fertige Sätze.
Montagmorgen
ging ich zu meinem Mathelehrer und bat ihn um Hilfe bei einer
Hochrechnung: Ein guter Roman hat, sagen wir, 4500 Sätze. 4500 Sätze
mal zwei Sätze jedes Wochenende gleich 9000 Wochenenden.
»Das ist richtig gerechnet«, bestätigte mein Lehrer. »Das hast du gut
gemacht. Hat dein Roman ein brisantes Thema?«
»Oh ja«, sagte ich.
»Dann wünsche ich dir, dass es immer noch aktuell ist, wenn du 183
Jahre alt bist.«
|
 |