Nibelungenfieber
Bekenntnisse eines falschen New York Times Reporters
"Carla, ich kann alles erklären"
Steve will den Ring.

Seit ich ein Kind war, wollte ich schreiben.

Egal was, eigentlich. Am liebsten aber Bestseller-Romane die mich A) reich und berühmt machen und B) von respektablen Feuilletonisten mit hoch intellektuellen Kritiken geadelt werden. Dieser Traum wandelte sich, je älter und weiser ich wurde. Heute würde es schon reichen, für irgendeine wertlose Dorfzeitung Bildunterschriften zu schreiben, solange ich mit dem zynischen Redakteur per Du sein darf.

Mit diesem Traum gab es allerdings ein Problem, mit dem ich anfangs nicht gerechnet hatte: Schreiben nimmt Zeit in Anspruch.

Mit zehn sagte ich mir noch: Den Roman hab ich ja schon komplett im Kopf, ich brauche ihn nur aufzuschreiben.

Ein paar Flaschen Cola, ein Wochenende und zack!, schon habe ich meinen Roman. Ich setzte mich auch wirklich dran, Freitagnachmittag, nach der Schule. Meine Eltern, nach einem langen und ernsthaften Vortrag meinerseits, machten mit und erließen mir das Wochenende über meine diversen Pflichten im Haushalt. Ich verließ meinen Schreibtisch nur noch zum Mittagessen, ansonsten lebte ich von Kaugummi. Ich war ein sehr ernsthafter junger Mann. Bis Sonntagabend hatte ich zehn Bleistifte aufgebraucht, zehn Hefte gefüllt und wieder verworfen.

Vor mir lagen zwei fertige Sätze.

Montagmorgen ging ich zu meinem Mathelehrer und bat ihn um Hilfe bei einer Hochrechnung: Ein guter Roman hat, sagen wir, 4500 Sätze. 4500 Sätze mal zwei Sätze jedes Wochenende gleich 9000 Wochenenden.

»Das ist richtig gerechnet«, bestätigte mein Lehrer. »Das hast du gut gemacht. Hat dein Roman ein brisantes Thema?«

»Oh ja«, sagte ich.

»Dann wünsche ich dir, dass es immer noch aktuell ist, wenn du 183 Jahre alt bist.«

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