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Eric T. Hansen
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1. 
Der Mormone hat nix zu meckern.

Wenn Sie das nächste Mal irgendwen darüber jammern hören, dass er nichts für die Situation kann, in der er sich befindet, denken Sie an die Mormonen: Sie haben schon theologisch bewiesen, dass wir Menschen unsere Situation alle selbst ausgesucht haben.

Nach mormonischer Lehre lebten alle Menschen schon lange vor der Schöpfung als geistige Individuen im Himmel. Als dann Gott die Erde erschuf, rief er uns alle zu einem großen Rat zusammen und sagte: "Wer auf die Erde will, dem wird das Gedächtnis seiner Ursprünge gelöscht, damit er sich völlig eigenständig verhält und nicht immer denkt, da schaut Gott zu, ich muss brav sein."

Da sagten einige: "Hoppla, wenn wir völlig auf uns selbst gestellt sind, wer sagt uns, dass immer die richtigen Entscheidungen treffen? Ich will ja nicht sagen, dass ich das nicht kann, ha ha, aber wäre es nicht leichter, wenn Du unter uns bist, damit du uns sagen kannst, was wir zu tun haben? Nicht dass ich vorhätte, ha ha, lauter böse Dinge zu tun, aber was passiert mit mir, wenn ich da auf ein oder zwei dumme Ideen komme?"

"Da kommst du schnurstracks in die Hölle."

"Ach ja."

Gott überließ allen die Entscheidung, und rund ein Drittel (!) seiner geistigen Kinder sagten "Och nee" (allen voran natürlich der Teufel selbst – aus diesen wurden dann die gefallenen Engel, die man auch in John Miltons Paradise Lost findet). Der Rest von uns ist auf Erden gelandet und stellt sich den harten Entscheidungen des Lebens. Jeder, der auf Erden ist, gehört eigentlich zu den Mutigen.

Ich liebe diese Geschichte, weil sie sagt, dass wir Menschen alle unser Los selbst ausgesucht haben, auch wenn wir nicht sämtlich Details kannten. Kein Mormone darf sagen, er sei mit der Situation, in die er gelangt ist, nicht einverstanden.

2.
Sie ist die amerikanischte aller Kirchen
.

Während die katholischen und evangelischen Kirchen in ihrer verzwickten Theologie eindeutig europäisch sind, weist die Mormonenkirche einige sehr amerikanische Merkmale auf. Allen voran ihr sehr praktischer Umgang mit theologischen Paradoxa. Man löst sie einfach.

Dieses Problem zum Beispiel: "Wenn man, um in den Himmel zu kommen, den wahren christlichen Glauben annehmen und sich taufen lassen muss, wie es im neuen Testament steht, was ist mit den Abermillionen Menschen auf der Welt und in vergangenen Zeiten, die nie die Möglichkeit hatten, vom Christentum auch nur das Geringste zu erfahren? Ist das nicht ein wenig unfair?"

Kaum war die Frage gestellt – zack! – schon gab's eine Antwort: Es gibt nach dem Tod eine Art Warteareal, wo die Geister der Verstorbenen sich aufhalten. Dort hören sie das Evangelium von geistigen Missionaren, wenn sie wünschen. Da bekommt doch jeder die Möglichkeit, Christus anzunehmen oder abzulehnen.

Aber da gibt’s doch noch was. Die Taufe ist ja eine physische Handlung. Wie kann ein Geist sich taufen lassen?

Auch kein Problem. Die Mormonen lassen sich in ihren Tempeln im Namen der Verstorbenen ersatzweise taufen. Die Verstorbenen können dann in der Geisterwelt die Taufe annehmen oder ablehnen. Deswegen betreiben die Mormonen Genealogie, damit sie ihre Vorfahren im Tempel ersatzweise taufen lassen können.

Mancher Katholik, der fest an Transsubstantiation,Jungfrauengeburt und das priesterliche Zölibat glaubt, mag über die verrückten Ideen der Mormonen lachen, aber heute betreiben die Mormonen ein riesiges weltweites genealogisches Forschungsnetz, das seinesgleichen sucht, und auf das jeder Namensforscher zurückgreift. Während andere Kirchen Jahrtausende lang irgendwelche theologischen Prinzipien hin und her diskutieren, packen die Mormonen es an.

3.
Wenn schon, denn schon.

Die säkularisierten Deutschen können sich einerseits sehr gut eine Religion ohne solche kindlichen Dinge wie Wunder vorstellen – andererseits gehen sie auch nicht in die Kirche, weil sie sich da meistens langweilen.

Die Mormonen waren von Anfang der Meinung: Warum soll es nur damals Wunder gegeben haben? Was Gott damals konnte, kann er auch heute. Also ist ein Engel dem Mormonengründer erschienen, also gibt es neue heilige Schriften zusätzlich zur Bibel (denn Gott kann auch heute den Mund aufmachen, wenn er es will), und also gibt es heute noch Propheten in der Kirche.

Das macht die Mormonen zu den Konsequentesten unter den Christen: Wenn es schon einen Gott gibt, dann lassen wir ihn auch einen richtigen Gott sein.

4.
Sie erzieht deine Kinder.
 

Vielleicht weil sie in ihrer Anfangszeit brutal verfolgt wurden, haben die Mormonen gelernt, wie man eine Gemeinschaft kreiert. Die Mitglieder sind mit Aufgaben wie Laienpriestertum, Veranstaltungen unter der Woche und Aktivitäten zu Hause (zum Beispiel den wöchentlichen Kinderspielabend "Family Home Evening") so ausgelastet, dass sie keine Wahl haben, als eng in der Gemeinschaft eingebunden zu sein (ganz nebenbei lernt man als Mormone auch früh, mit seiner Zeit gut hauszuhalten).

Wer in der Kirche aufwächst, lernt in den Kirchenversammlungen eine starke moralische Haltung, in der Gemeinschaft eine starke soziale Verpflichtung und kümmert sich vor allem um seine Familie. Durch das Laienpriestertum lernen Mädchen wie Jungs schon als Teenager, vor versammelter Gemeinde und trotz weicher Knie eine selbst geschriebene Mini-Predigt zu halten. Mit 18 oder 19 werden die Jungs und manchmal die Mädchen, wenn sie zustimmen, auf eigene Kosten für zwei Jahre weit weg von zu Hause auf Mission geschickt, wo sie das Evangelium von Tür zu Tür predigen müssen und lernen, mit harscher Ablehnung, Skepsis, Angst, Vorurteilen und dummen Witzen umzugehen.

Glauben Sie mir, das prägt.

Mormonenväter, die ihren Kindern moralisch und gesellschaftlich relevante Werte beizubringen möchten, brauchen sich nicht viel überlegen. Das kommt von selbst.

5.
Es sind nette Leute.

Stimmt ja auch. Ich war selbst einer.

Sind nun die Mormonen eine Sekte oder nicht?

Die Deutschen kritisieren ihre Kirchen, sie treten aus ihnen aus und schieben ihnen die Schuld an der ganzen Geschichte in die Schuhe… aber sobald die katholische oder evangelische Kirche eine dritte Kirche als "Sekte" bezeichnet, geraten sie alle in Panik. Mit rund 13 Millionen Mitgliedern auf der Welt ist die Mormonenkirche keine Sekte, sondern eine ordentliche, wenn nicht gar ein bisschen langweilige und vom deutschen Staat anerkannte christliche Kirche. Nur die beiden großen deutschen Landeskirchen finden die spirituelle Konkurrenz nicht so toll.

Aber sie glauben an der Vielweiberei.

Die Polygamie wurde im 19. Jahrhundert ins Leben gerufen, als die Mormonen verfolgt wurden und unverheiratete Frauen noch so gut wie rechtlos waren. Mancher spirituell interessierte Macho mag dies bedauern, doch Polygamie gibt es seit 100 Jahren nicht mehr, außer in ein paar Splittergruppen, die von der Kirche nicht anerkannt werden und tatsächlich sektenhafte Züge aufweisen. Ein gutes Buch darüber: Mord im Auftrag Gottes von Jon Krakauer.

Warum ich die Kirche verlassen habe?

Ich kann das nur so erklären: Die Mormonenkirche ist, wie jede gut funktionierende Kirche, auch eine Erziehungsanstalt. Die starke Moralvorstellung, die ständige (Selbst-)Kontrolle, die Verbote (wie das gegen Alkohol), die einem die Risiken des Lebens ersparen sollen, die enge Bindung an eine Gemeinschaft: Es ist der verlängerte Arm deiner Eltern. Irgendwann, so gegen 30, schaute ich mich an und sagte mir: Du tust immer noch das, was die Kirche/Papi dir sagt! Wann erlebst du das echte Leben? 

So entschloss ich mich, den Garten Eden der fest gefügten Kirche zu verlassen und mich den Gefahren der chaotischen Welt zu stellen. Das war eine der schwersten und schmerzhaftesten Entscheidungen meines Lebens. Das Gefühl der Freiheit war gemischt mit dem Bewusstsein, dass ich jetzt (geistig) allein bin.

Wie haben Kirche und Familie und reagiert, als ich die Kirche verließ?

Traurig. Ich glaube, keiner der anderen Mitglieder – es war in München – hat es verstanden, und sie fühlten sich hilflos. Irgendwann rief ich auch meine Eltern an: "Mom, Dad, ich muss Euch sagen, ich lasse mich scheiden, ich verlasse die Kirche und ich habe angefangen, Alkohol zu trinken." Ihre Reaktion war: "Sohn! Nicht Alkohol!"  

Und? Hat sich der Austritt gelohnt?

Oh ja.

Kehre ich irgendwann zu den Mormonen zurück?

Nein. Die Welt, die Gott erschuf, ist hier draussen. Ausserdem könnte ich die Predigten in den Sonntagsversammlungen nicht mehr hören - ich kenne sie ja alle auswendig.

Bin ich also nun Atheist?

Auch nicht.

Sagen wir es mal so: Ich hoffe, dass es einen Gott gibt (vielleicht ist das schon Glauben…?). Doch ich habe mich entschieden, etwas zu akzeptieren, was uns eigentlich allen klar sein müsste: Wenn es einen Gott gibt, will er nicht, dass wir es wissen. (Nabokov hat mal gesagt, der beste Beweis für die Existenz Gottes ist, dass er seine Spuren so gut verwischt.)

Also versuche ich mich mit meiner Unwissenheit abzugeben, aus meinem Leben auf dieser schönen Erde etwas zu machen und verlasse mich darauf, dass Gott, wenn es ihn gibt, das schon regeln wird.

 


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