|
1.
Der Mormone hat nix zu meckern.
Wenn
Sie das nächste Mal irgendwen darüber jammern
hören, dass er nichts für
die Situation kann, in der er sich befindet, denken Sie an die
Mormonen: Sie
haben schon theologisch bewiesen, dass wir Menschen unsere Situation
alle
selbst ausgesucht haben.
Nach
mormonischer Lehre lebten alle Menschen schon lange vor der
Schöpfung
als geistige Individuen im Himmel. Als dann Gott die Erde erschuf, rief
er uns
alle zu einem großen Rat zusammen und sagte: "Wer auf die
Erde will, dem
wird das Gedächtnis seiner Ursprünge
gelöscht, damit er sich völlig
eigenständig verhält und nicht immer denkt, da schaut
Gott zu, ich muss brav
sein."
Da
sagten einige: "Hoppla, wenn wir völlig auf uns selbst
gestellt
sind, wer sagt uns, dass immer die richtigen Entscheidungen treffen?
Ich will
ja nicht sagen, dass ich das nicht kann, ha ha, aber wäre es
nicht leichter,
wenn Du unter uns bist, damit du uns sagen kannst, was wir zu tun
haben? Nicht
dass ich vorhätte, ha ha, lauter böse Dinge zu tun,
aber was passiert mit mir,
wenn ich da auf ein oder zwei dumme Ideen komme?"
"Da
kommst du schnurstracks in die Hölle."
"Ach
ja."
Gott
überließ allen die Entscheidung, und rund ein
Drittel (!) seiner
geistigen Kinder sagten "Och nee" (allen voran natürlich der
Teufel
selbst – aus diesen wurden dann die gefallenen Engel, die man
auch in John
Miltons Paradise Lost findet). Der Rest von uns ist auf Erden gelandet
und
stellt sich den harten Entscheidungen des Lebens. Jeder, der auf Erden
ist,
gehört eigentlich zu den Mutigen.
Ich liebe diese
Geschichte, weil sie sagt, dass wir Menschen alle unser Los selbst
ausgesucht
haben, auch wenn wir nicht sämtlich Details kannten. Kein
Mormone darf sagen,
er sei mit der Situation, in die er gelangt ist, nicht einverstanden.
2.
Sie ist die amerikanischte aller Kirchen.
Während
die katholischen und evangelischen Kirchen in ihrer verzwickten
Theologie eindeutig europäisch sind, weist die Mormonenkirche
einige sehr
amerikanische Merkmale auf. Allen voran ihr sehr praktischer Umgang mit
theologischen Paradoxa. Man löst sie einfach.
Dieses
Problem zum Beispiel: "Wenn man, um in den Himmel zu kommen,
den wahren christlichen Glauben annehmen und sich taufen lassen muss,
wie es im
neuen Testament steht, was ist mit den Abermillionen Menschen auf der
Welt und
in vergangenen Zeiten, die nie die Möglichkeit hatten, vom
Christentum auch nur
das Geringste zu erfahren? Ist das nicht ein wenig unfair?"
Kaum
war die Frage gestellt – zack! – schon gab's eine
Antwort: Es gibt
nach dem Tod eine Art Warteareal, wo die Geister der Verstorbenen sich
aufhalten. Dort hören sie das Evangelium von geistigen
Missionaren, wenn sie
wünschen. Da bekommt doch jeder die Möglichkeit,
Christus anzunehmen oder
abzulehnen.
Aber
da gibt’s doch noch was. Die Taufe ist ja eine physische
Handlung. Wie
kann ein Geist sich taufen lassen?
Auch
kein Problem. Die Mormonen lassen sich in ihren Tempeln im Namen der
Verstorbenen ersatzweise taufen. Die Verstorbenen können dann
in der
Geisterwelt die Taufe annehmen oder ablehnen. Deswegen betreiben die
Mormonen
Genealogie, damit sie ihre Vorfahren im Tempel ersatzweise taufen
lassen
können.
Mancher
Katholik, der fest an Transsubstantiation,Jungfrauengeburt und das
priesterliche Zölibat glaubt, mag über die
verrückten Ideen der Mormonen
lachen, aber heute betreiben die Mormonen ein riesiges weltweites
genealogisches Forschungsnetz, das seinesgleichen sucht, und auf das
jeder
Namensforscher zurückgreift. Während andere Kirchen
Jahrtausende lang
irgendwelche theologischen Prinzipien hin und her diskutieren, packen
die
Mormonen es an.
3.
Wenn schon, denn schon.
Die
säkularisierten Deutschen können sich einerseits sehr
gut eine Religion
ohne solche kindlichen Dinge wie Wunder vorstellen –
andererseits gehen sie
auch nicht in die Kirche, weil sie sich da meistens langweilen.
Die
Mormonen waren von Anfang der Meinung: Warum soll es nur damals Wunder
gegeben haben? Was Gott damals konnte, kann er auch heute. Also ist ein
Engel
dem Mormonengründer erschienen, also gibt es neue heilige
Schriften zusätzlich
zur Bibel (denn Gott kann auch heute den Mund aufmachen, wenn er es
will), und
also gibt es heute noch Propheten in der Kirche.
Das
macht die Mormonen zu den Konsequentesten unter den Christen: Wenn es
schon einen Gott gibt, dann lassen wir ihn auch einen richtigen Gott
sein.
4.
Sie erzieht deine Kinder.
Vielleicht
weil sie in ihrer Anfangszeit brutal verfolgt wurden, haben die
Mormonen gelernt, wie man eine Gemeinschaft kreiert. Die Mitglieder
sind mit
Aufgaben wie Laienpriestertum, Veranstaltungen unter der Woche und
Aktivitäten
zu Hause (zum Beispiel den wöchentlichen Kinderspielabend
"Family Home
Evening") so ausgelastet, dass sie keine Wahl haben, als eng in der
Gemeinschaft eingebunden zu sein (ganz nebenbei lernt man als Mormone
auch
früh, mit seiner Zeit gut hauszuhalten).
Wer in
der Kirche aufwächst, lernt in den Kirchenversammlungen eine
starke
moralische Haltung, in der Gemeinschaft eine starke soziale
Verpflichtung und
kümmert sich vor allem um seine Familie. Durch das
Laienpriestertum lernen
Mädchen wie Jungs schon als Teenager, vor versammelter
Gemeinde und trotz
weicher Knie eine selbst geschriebene Mini-Predigt zu halten. Mit 18
oder 19
werden die Jungs und manchmal die Mädchen, wenn sie zustimmen,
auf eigene
Kosten für zwei Jahre weit weg von zu Hause auf Mission
geschickt, wo sie das
Evangelium von Tür zu Tür predigen müssen
und lernen, mit harscher Ablehnung,
Skepsis, Angst, Vorurteilen und dummen Witzen umzugehen.
Glauben
Sie mir, das prägt.
Mormonenväter, die ihren
Kindern moralisch und gesellschaftlich relevante Werte beizubringen
möchten,
brauchen sich nicht viel überlegen. Das kommt von selbst.
5.
Es sind nette Leute.
Stimmt
ja auch.
Ich war selbst einer.
|
|
Sind
nun die Mormonen eine Sekte oder nicht?
Die Deutschen kritisieren ihre Kirchen, sie
treten aus ihnen aus und schieben ihnen die Schuld an der ganzen
Geschichte in
die Schuhe… aber sobald die katholische oder evangelische
Kirche eine dritte
Kirche als "Sekte" bezeichnet, geraten sie alle in Panik. Mit rund 13
Millionen Mitgliedern auf der Welt ist die Mormonenkirche keine Sekte,
sondern
eine ordentliche, wenn nicht gar ein bisschen langweilige und vom
deutschen
Staat anerkannte christliche Kirche. Nur die beiden großen
deutschen
Landeskirchen finden die spirituelle Konkurrenz nicht so toll.
Aber
sie glauben an der Vielweiberei.
Die Polygamie wurde im 19. Jahrhundert ins
Leben gerufen, als die Mormonen verfolgt wurden und unverheiratete
Frauen noch
so gut wie rechtlos waren. Mancher spirituell interessierte Macho mag
dies
bedauern, doch Polygamie gibt es seit 100 Jahren nicht mehr,
außer in ein paar
Splittergruppen, die von der Kirche nicht anerkannt werden und
tatsächlich
sektenhafte Züge aufweisen. Ein gutes Buch darüber: Mord
im Auftrag Gottes von Jon Krakauer.
Warum
ich die Kirche verlassen habe?
Ich kann das nur so erklären: Die
Mormonenkirche ist, wie jede gut funktionierende Kirche, auch eine
Erziehungsanstalt. Die starke Moralvorstellung, die ständige
(Selbst-)Kontrolle, die Verbote (wie das gegen Alkohol), die einem die
Risiken
des Lebens ersparen sollen, die enge Bindung an eine Gemeinschaft: Es
ist der
verlängerte Arm deiner Eltern. Irgendwann, so gegen 30,
schaute ich mich an und
sagte mir: Du tust immer noch das, was die Kirche/Papi dir sagt! Wann
erlebst
du das echte Leben?
So entschloss ich mich, den Garten Eden der
fest gefügten Kirche zu verlassen und mich den Gefahren der
chaotischen Welt zu
stellen. Das war eine der schwersten und schmerzhaftesten
Entscheidungen
meines Lebens. Das Gefühl der Freiheit war gemischt mit dem
Bewusstsein, dass
ich jetzt (geistig) allein bin.
Wie
haben Kirche und Familie und reagiert, als
ich die Kirche verließ?
Traurig.
Ich glaube, keiner der anderen Mitglieder
– es war in München – hat es verstanden,
und sie fühlten sich hilflos.
Irgendwann rief ich auch meine Eltern an: "Mom, Dad, ich muss Euch
sagen,
ich lasse mich scheiden, ich verlasse die Kirche und ich habe
angefangen,
Alkohol zu trinken." Ihre Reaktion war: "Sohn! Nicht Alkohol!"
Und?
Hat sich der Austritt gelohnt?
Oh
ja.
Kehre
ich irgendwann zu den Mormonen zurück?
Nein. Die Welt, die Gott erschuf, ist hier
draussen. Ausserdem könnte ich die Predigten in den
Sonntagsversammlungen nicht mehr hören - ich kenne
sie ja alle auswendig.
Bin
ich also nun Atheist?
Auch nicht.
Sagen wir es mal so: Ich hoffe, dass es
einen Gott gibt (vielleicht ist das schon Glauben…?). Doch
ich habe mich
entschieden, etwas zu akzeptieren, was uns eigentlich allen klar sein
müsste:
Wenn es einen Gott gibt, will er nicht, dass wir es wissen. (Nabokov
hat mal
gesagt, der beste Beweis für die Existenz Gottes ist, dass er
seine Spuren so
gut verwischt.)
Also versuche ich mich mit
meiner Unwissenheit abzugeben, aus meinem Leben auf dieser
schönen Erde etwas
zu machen und verlasse mich darauf, dass Gott, wenn es ihn gibt, das
schon
regeln wird.
|